Im Salon: Groß- und Urgroßmütter des Pinups

Vortrag von Dr. Martin Kersting

Die Früh- und Hochmittelalterabteilungen in den großen Museen sind für die ausschließlichen Liebhaber erotischer Kunst ein ausgesprochen ödes Terrain. Natürlich gibt es sehr schöne Madonnen, Katharinen oder Maria Magdalenen, aber deren erotische Ausstrahlung tendiert in der Regel gegen Null. Selbst Eva, in der christlichen Tradition der Inbegriff der Sexualität, kommt bis weit in das 15. Jahrhundert doch recht trocken daher.

Mit der Renaissance unter dem Einfluss der Antike entsteht auf einmal ein Bewusstsein für die Körperlichkeit und recht plötzlich erscheinen zunächst in Italien eindeutig erotische Bilder (Botticelli, Piero di Cosimo) parallel zu einer erotischen Literatur (Bocaccio, Margaretha von Navara). Zunächst auf antike Motive beschränkt werden bald auch christlich-biblische Themen (Judith, Bathseba, Salome) erotisiert. Es entstehen zahlreiche Maria Magdalenen, denen man die reuige Sünderin nur unter gewissen Vorbehalten abnimmt (Bernardino Luni, Francesco Bacchiaca).

Die Massenproduktionen der Firma Cranach versorgte ganz Europa mit ruhenden Nymphen, Venussen, Lucretias und Evas.

Auch der männliche Körper wurde erotisiert (David von Michelangelo). Mit der Darstellung des Apostel Bartholomäus bildet sich schon der barocke Muskelmann vor.

Das Barock und das Rokoko gehen diesen Weg weiter und entwickeln einen Frauentypus, auf den schließlich die Pinup-Darstellungen in vulgarisierter Form seit den vierziger Jahren zurückgreifen.

Selbstverständlich wird in dem Vortrag auch reichlich Bildmaterial gezeigt.

Im Salon: Aussterben als Metapher

„Auch die Dinosaurier dachten, sie hätten genug Zeit“.

Solche und ähnliche Slogans konnten wir alle in den letzten Wochen bei den „Fridays for Future“- oder den „Extinction Rebellion“-Demonstrationen lesen, wobei allerdings in einer solchen Aussage die mentalen Fähigkeit der großen Echsen wohl maßlos überschätzt wird. Oft werden Menschen mit sehr archaischen Ansichten (deren Aussterben man erhofft) als Dinosaurier bezeichnet.

Die beiden Beispiele zeigen, dass Aussterben sowohl positiv als auch negativ gesehen wird. Einerseits wird den Dinosauriern vorgeworfen, nicht genügend Daseinsvorsorge betrieben zu haben, und ihr Schicksal soll uns als Mahnung und Warnung dienen, andererseits wird begrüßt, dass nur noch Fossilien von ihrer einstigen Glanzzeit künden.

Seit der Entdeckung dieser Tiere im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts müssen die Viecher und vor allem deren Untergang immer wieder als Bildspender zur Umschreibung gesellschaftlicher Verhältnisse herhalten. Sie illustrieren in der Regel den Widerstreit zwischen den Kräften der Beharrung und des Fortschritts.

Soweit wir es verfolgen können, hat sich die Menschheit mindestens ebenso viele Gedanken über das Aussterben ihrer Art wie um den Tod des Individuums gemacht und ihre Sorgen in Bildern, Mythen und Legenden gefasst: Die Sintflut in der Bibel, der Untergang von Atlantis bei Platon, die Geschichte von Phaeton, der mit seinem Sonnenwagen fast die Erde verbrannt hätte, die große Flut in Ovids Metamorphosen, der nur Deukalion und seine Frau entkommen sind, die Johannesapokalypse und schließlich das Jüngste Gericht.

Spätestens seit dem 6. August 1945, als die erste Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima abgeworfen worden ist, ist uns bewusst geworden, dass es keiner Sündflut, keiner Supernova oder keines Kometeneinschlages bedarf, um unsere Art zu einer Fußnote in der Geschichte des Universums werden zu lassen. Unter diesem Eindruck ist eine Fülle an Bildern und Literatur zum Thema Aussterben hinzugekommen, welche an Schrecklichkeit ihren antiken und mittelalterlichen Vorgängern in nichts nachgeben.

In dem Vortrag von Dr. Martin Kersting geht es nicht um das Aussterben an sich, sondern um das Bild des Aussterbens.

Im Salon: Mein Lieblingsbild

Liebe Steilshooperinnen und Steilshooper, liebe Freundinnen und Freunde des Salon de Steils,

Mitmachveranstaltungen haben im JETZT Tradition – und eigentlich auch immer viel Spaß gemacht.

Nachdem wir uns bisher überwiegend der Literatur gewidmet haben, steht nun die bildende Kunst auf dem Programm.

Jeder darf sein Lieblingsbild vorstellen und sollte dabei den anderen erzählen, warum er gerade das Werk so toll findet.

Erlaubt ist alles, was man irgendwie als Bild bezeichnen kann. Die Malereien aus Altamira und Lascaux sind ebenso willkommen wie die des „Kapitalistischen Realismus“ (und alle anderen, welche dazwischen liegen).

Natürlich kann man auch sein Lieblingsbild mitbringen. Wenn es sich aber zufällig um Rembrandts „Nachtwache“ oder Leonardos „Mona Lisa“ handelt, dürfte das nicht ganz einfach sein. Dann empfiehlt es sich, eine Abbildung entweder auf einen USB-Stick zu ziehen und ihn am Abend mitzubringen oder einige Tage vorher als Anhang einer Mail an  m.kersting@alraune-hamburg.de zu senden.

Solidarität macht Mut. Ausstellungseröffnung

Liebe Steilshooperinnen und Steilshooper, liebe Freundinnen und Freunde des JETZT,

am 11. September 1973 musste die geschockte Welt erleben, mit welcher Brutalität die Herrschenden ihren Anspruch auf die Gestaltung unseres Planeten verteidigen.

Mit Hife des amerikanischen Geheindienstes CIA putschte sich der chilenische General Augusto Pinochet an die Macht, nachdem der demokratisch gewählte Präsident Salvador Allende wichtige Schlüsselindustrieen des Landes verstaatlicht hatte.

Tausende seiner Landsleute wurden ermordet oder gelangten in die Konzentrationslager der Militärjunta.

In der ganzen Welt bildeten sich sofort Solidaritätskomitees mit dem chilenischen Volk, welche einerseits versuchten, den Opfern der Diktatur humanitäre Unterstützung zukommen zu lassen, andererseits den internationalen Widerstand gegen das Militärregime organisierten.

Die Ausstellung mit Fotografien von Michael Meyborg zeigt Bilder aus der Hamburger Anti-Pinochet-Bewegung, die sicher auch heute noch ihre Bedeutung haben.

Venceremos!

Marin Kersting

Im Salon: Make love not war

Ich möchte über ein in der Renaissance und im Barock beliebtes Bildmotiv sprechen: Mars und Venus, wobei der Kriegsgott meist schlafend dargestellt wird und Putten, Eroten oder Satyrkinder seine Waffen und Rüstung als Spielzeug missbrauchen.

Den meisten von uns erscheinen diese Szenen äußerst sympathisch. Was gibt es Besseres als den grimmigen Gott des Krieges durch die Liebe außer Gefecht zu setzen?

Allerdings habe ich erhebliche Zweifel, ob diese Interpretation von Künstlern aus dem Florenz der Medici wie Sandro Botticelli oder Piero di Cosimo, einem Amsterdamer Bürger des „golden euw“ wie Ferdinand Bol geteilt worden wäre. Wollen Sie nicht vielleicht eher vor dem dem durch die Liebe vor allem dem Manne drohenden Kontrollverlust warnen? Vor allem Botticelli und Piero di Cosimo haben eine Reihe von dahingehenden Hinweisen in ihren Bildern untergebracht.

Wenn die Bilder auch vor rund 500 Jahren keineswegs so gemeint waren, so dürfen wir sie heute durchaus unter das alte Hippie-Motto setzen: Make love, not War!

Martin Kersting

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