Das Schokoladenpuddingproblem

oder die Perfektionierung eines Perfektissimums

Sinnt man über die Gemeinsamkeiten, aber auch über die Unterschiede eines Schälchens Schokoladenpudding und des Bramfelder Sees nach, so sind auf Anhieb zwei Dinge augenfällig. Zum einen: Beide sind ausgesprochen attraktiv. Zum anderen: Man kann die Attraktivität des Schokoladenpuddings etwa durch einen Klecks Sahne oder ein Löffelchen Vanillesauce deutlich erhöhen, die des Bramfelder Sees nicht, denn von ihm geht schon jetzt ein absolutes Attraktivitätsmaximum aus. Keine Uhr- oder Jahreszeit, kein Wetter, bei dem ein Spaziergang an seinen Ufern nicht ein Hochgenuss wäre.

Auf den zweiten Blick werden noch weitere Gemeinsamkeiten offensichtlich: Vor allem mit viel Geld kann man sowohl die Attraktivität des Schokoladenpuddings als auch die des Bramfelder Sees deutlich herab setzen. So würde es etwa dem Betreiber eines Edelrestaurants unmöglich sein, für ein aus etwas Milch, Kakaopulver und Zucker zusammengerührtes Produkt 27,50 € zu verlangen. Also mischt er ein paar Trüffelschnitzelchen hinein. Wirklich schmecken tut das zwar kaum einem Menschen, aber wenn man das verraten würde, erfolgte sofort ein Verweis aus dem erlauchten Kreise der Gourmets, vor allem dann, wenn ein komplett korrupter Restaurantkritiker schon etliche verbale Purzelbäume ob der phänomenalen Kreation geschlagen hat. Auch unsere Sterneköche aus Quartiersmanagement und Stadtteilbüro kreieren seit etlichen Jahren ihren (natürlich unseren) Bramfelder See neu. Da gab es zum Beispiel in der letzten Fortschreibung des Quartiersentwicklungskonzeptes den Reiherbeobachtungsplatz, sicher ein absolutes Desiderat, denn wo käme man hin, wenn man einfach nur so Reiher beobachtet, ohne auf dem dafür vorgesehenem Platz zu stehen? Es sind zwar keine Details genannt worden, aber ich gehe davon aus, dass man irgendwann einmal die entstehende pflegeleichte Betonplatte mit der entsprechenden Reiherbeobachtungsberechtigungskarte natürlich ausschließlich zu dem vorgesehenem Zweck nutzen kann.

Andere Trüffelschnitzelchen sind uns schon in Form der Bewegungsgeräte, mit denen im Moment zumindest ganz Mitteleuropa überzogen wird, offeriert worden. Faktisch sind das die Nachfolger der auch nie genutzten Trimm-Dich-Pfad-Installationen aus den 70er Jahren. Bastelte aber ein Förster (oder der örtliche Heimatverein nebst einer Kiste Bier) letztere aus ein paar Baumstämmen an einem Vormittag zusammen, so stehen jetzt dort absolut durchkonstruierte Maschinen aus glänzendem Edelstahl. Um bei unserem Schokoladenpudding zu bleiben: Die bodenständige und preisgünstige Vanillesauce wurde durch die exklusive und teure Trüffel ersetzt. Ähnlich wie bei den Gourmets in den Fresstempeln entscheidet nicht der Konsument oder Nutzer über den Zuwachs an Attraktivität, sondern irgendein Kritiker, der sicher und auf gar keinen Fall mit dem Hersteller der Maschinen in irgendeiner Verbindung steht.

Auf der Stadtteilbeiratssitzung am 11. August 2020 wurde uns ein neues attraktivitätssteigerndes Element vorgestellt: Ein weiterer Zugang vom See auf den Ohlsdorfer Friedhof. Ich habe zwar noch nie gehört, dass hier im Stadtteil das Bedürfnis nach einem dritten Eingang geäußert worden ist, aber vermutlich hat auch niemand von unserem Edelkoch sich Schokoladenpudding mit Trüffeln gewünscht, aber weil dem Populum es an Ideen mangelt – vor allem, in den Bereichen, wo gar keine Ideen gefordert sind – müssen die Kreativen für uns mitdenken. Da stört es auch keinen großen Geist (um statt Pippi Langstrumpf einmal Karlson von Dach zu zitieren), wenn massiv in eine gewachsene Baumreihe eingegriffen werden muss, wenn ein genialer gartenarchitektonischer Plan, wie es der Cordes-Teil des Friedhofes nun einmal ist, verwässert wird. Hauptsache irgendwie attraktiv.

Man wird wahrscheinlich etwas tiefer in die Kulturgeschichte eintauchen müssen, um die Divergenzen des Attraktivitätsbegriffes zwischen Quartiersentwicklung und Steilshoopern zu verstehen. Die naturnahe Landschaft wird von den meisten Menschen erst geschätzt, als es sie so gut wie nicht mehr gab. Erst mit der Romantik nach 1820 wird sie überhaupt erst entdeckt. Vorher musste jegliche Natur gezähmt werden und sich dem Menschen unterwerfen. Schönheit konnte nur durch das planvolle Wirken unserer Art entstehen. So ist es nicht ganz auszuschließen, dass in den Behörden noch immer die ästhetischen Vorstellungen des Absolutismus – von mir aus des aufgeklärten – obwalten, nach der letztendlich jeder Wald zu einer mit der Nagelschere gepflegten Hecke zu werden hat.

Auf absolutistische Denkformen deutet aber noch ein anderes Phänomen hin: Tatsächlich haben die Bürger Steilshoops – fürwitzig wie sie nun einmal sind – vor Jahren eine Attraktivitätserhöhung des Sees nach ihren Vorstellungen gefordert. Ihnen war an der kleinen Brücke gelegen, welche den Kanal im Westen überspannte. Da aber die treusorgende Obrigkeit Reiherbeobachtungsplätze für attraktiver hält, gibt es für die nicht mehr ganz so Laufstarken auch die kleine Runde um den Brami nicht mehr! Für die Obrigkeit unbegreiflich, aber das war für viele ältere Menschen die Vanillesauce auf dem Pudding!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.