Im Salon: Kunstformen der Natur

Ernst Haeckel und sein biologisches Weltbild.

Ein Vortrag von Dr. Martin Kersting

Fast einhundert Jahre nach seinem Tod ist die Kontroverse um den Mediziner, Zoologen, Philosoph und Freidenker Ernst Haeckel nicht beendet. Es steht außer Frage, dass er ein wichtiger Stichwortgeber für die nationalsozialistische Eugenik und Rassenhygiene war.

Unbestritten ist sein Verdienst um die Durchsetzung der Darwinschen Lehre in Deutschland und um die Einbindung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse in die Philosophie. In den „Welträthseln“ von 1899 entwirft er den als philosophische Strömung in dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bedeutsamen Monismus, die Einheit von Materie und Geist, welcher die Natur als das einzige dominierende Element auch in der Psyche und des Zusammenlebens der Menschen manifestierte. Seine Anhänger fanden sich 1906 im „Deutschen Monistenbund“ zusammen.

In nahezu jedem liberalen Haushalt im wilhelminischen Deutschland fand sich Haeckels Buch „Kunstformen der Natur“ (1899-1904), in welchem er darstellt, dass alle unsere Vorstellungen einer Ästhetik schon in den lebenden Organismen vorgebildet seien. Ausgestattet mit 100 sehr aufwendig gedruckten lithographischen Tafeln vermittelte es seinen Zeitgenossen einen damals völlig neuen Blick auf die Natur.

Haeckels Anhänger Raoul Heinrich Francé spitzte Haeckels Ansatz dahingehend zu, dass er die Ästhetik zu einer Triebfeder der Evolution erklärte. Wenn etwa für das Aussterben der Dinosaurier deren hässlichen Proportionen verantwortlich gemacht werden, empfinden wir das heute doch eher belustigend. Im frühen 20. Jahrhundert jedoch fanden solche Thesen große Zustimmung.

Der Vortrag möchte einen Blick auf die „Kunstformen der Natur“ werfen und die Bedeutung des Haeckelschen Monismus in der gesellschaftlichen Debatte des wilhelminischen Deutschlands untersuchen.

Lebensalter – Die Einteilung eines Menschenlebens in Vergangenheit und Gegenwart

 

Es gibt schon eigenartige Gründe, sich mit einem Thema zu beschäftigen – und dann gar noch einen Vortrag daraus zu machen. Die Quelle meiner Inspiration war der Stadtteilbeirat. Dort zeigte ein junger (genau hier fängt die Problematik an) Mann sich hochgradig unerfreut, dass das Gremium seinen Vorschlag, eine Veranstaltung für die Jugend zu machen, nicht mit der von ihm erhofften Begeisterung aufgenommen hat. Seine etwas erzürnte Schlussfrage lautete, wer von den Anwesenden unter 37 sei. Es ist sicher keine Überinterpretation seiner Frage, dass dieses Alter nach der Ansicht des jungen Mannes noch zur Jugend zu rechnen sei.

Er hat insofern recht, dass er aufgrund seines noch nicht allzu weit fortgeschrittenen Alters nicht die ganze Palette der Berufsangebote in der Bundesrepublik Deutschland wahrnehmen kann. So muss er noch etwa drei Jahre warten, bis er sich um das Amt des Bundespräsidenten bewerben kann.

Trotzdem gab es nach der Stadtteilbeiratssitzung Gespräche, die sich darum drehten, wann wir – alle über 37 – aufgehört haben, uns als Jugend zu sehen. Einhellige Meinung: Deutlich früher.

Für mich war das Anlass, mich schlau zu machen, wie das vorhergehende Generationen gesehen haben. Wie es so oft passiert: Man sucht die Antwort auf eine Frage – und erhält Antworten auf Fragen, auf die man gar nicht gekommen ist: Für mich war es eine große Überraschung, dass zwar in der bildenden Kunst die Lebensalter im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit eine ganz zentrale Rolle spielen, dass aber die einzelnen Generationen nicht oder kaum durch kulturelle Schranken separiert waren. Von einer eigenständigen „Jugendkultur“ kann man frühestens mit dem Aufkommen der Wandervogelbewegung im ganz späten 19. Jahrhundert sprechen.

Dieser Befund macht es notwendig, sich auch Gedanken über die Ursachen dieser so einschneidenden kulturellen und gesellschaftlichen Veränderung zu machen. Spielt der demographische Wandel eine Rolle? Wie weit wirken sich die verlängerten Ausbildungszeiten aus? Sind die Medien daran beteiligt?

Ich muss gestehen, dass ich hier noch ganz am Anfang meiner Überlegungen stehe, bin aber guten Mutes, dass ich bis zum 11. Juni in meinem Vortrag wenigstens die ein oder andere Hypothese zur These ausbauen kann.

Dr. Martin Kersting

Salon de Steils – Das verflixte siebte Jahr ist geschafft!

Wenn es hochkommst, sind es einhundertfünfzig (von rund 15.000) Steilshooperinnen und Steilshoopern, welche bisher den Salon de Steils im JETZT wahrgenommen haben. Würden wir irgendwelche öffentlichen Förderungsgelder bekommen, dann müssten wir wohl bei den in diesem Fall regelmäßig stattfindenden Evaluationen so richtig ins Zittern kommen. Es hat seit 2011 weit über siebzig Vorträge zu kulturhistorischen Themen gegeben – und dann nur einhundertfünfzig Teilnehmer! Da die Kulturförderbürokraten in der Lage sind, den Wert von Veranstaltungen in Volt, Watt, Becquerel, Kilogramm, Bar, Metern, Hektolitern oder Bildungspunkten zu bemessen, wären wir wohl eine Marginalie, die man komplett ignorieren könnte und der man auch die Fördergelder streichen würde.

Man könnte dem natürlich entgegen halten, dass auch ein Hektoliter Erbsensuppe nur wenige Gramm Salz benötige, um schmackhaft zu werden, und dass ein Kilogramm Trüffel etwas anderes sei als ein Kilogramm Zuchtchampignons – und ein Vortrag über ein Thema aus dem Bereich der mittelalterlichen Literatur anders eingeschätzt werden müsse als ein Konzert von Helene Fischer.

Gott sei Dank brauchen wir uns nicht mit derartigen Absurditäten aufhalten. Da wir ausschließlich von dem Idealismus unserer Referentinnen und Referenten leben, die sich in ihrer freien Zeit hin setzen, um den Steilshooperinnen und Steilshoopern ein Bildungserlebnis zu bescheren, können uns jene einmal das, was auch der Bischof von Bamberg dem Götz von Berlichingen konnte.

Unabhängig jedoch, ob es öffentliche Mittel gibt oder nicht, wird es nach sieben Jahren mehr als Zeit, einmal kritisch Bilanz zu ziehen. Haben wir unsere Ziele verwirklicht oder ist es notwendig das ganze Programm einmal einer Komplettrenovierung zu unterwerfen? Natürlich bin ich nicht unbedingt der beste Mann dafür, denn in dem Salon de Steils steckt ganz viel Herzblut von mir. Weiterlesen

Schrift und Schriftlichkeit

Die Werbewirtschaft wird es sicher schon mehrfach untersucht haben: Wie viele Buchstaben nimmt ein durchschnittlicher Mitteleuropäer am Tag wahr? Es ist für uns nahezu unmöglich unsere Augen schweifen zu lassen, ohne irgendwo auf verschriftlichte Texte zu stoßen. Geschriebene oder gedruckte Worte und Sätze gehören wie Essen und Trinken zu unserem Leben.

Seit mindestens 6000 Jahren gibt es die unser Leben so bestimmende „Erfindung“ der Schrift: Sämtliche Hochkulturen haben sich bemüht, Systeme zu erschaffen, welche es ermöglichten, flüchtige Produkte wie Worte festzuhalten und für die „Ewigkeit“ aufzubewahren, allerdings hatte nur ein Bruchteil der jeweils lebenden Menschen Zugang zu den entstandenen Texten. Deutlich wird das an der griechischen Bezeichnung für die ägyptische Bilderschrift. Hieroglyphen muss man mit „heiligen eingravierten Zeichen“ übersetzen, wodurch klar wird, dass nur die Priesterkaste sie beherrschte und sie fast ausschließlich dem Kultus diente. Erst die Griechen und Römer (evtl. auch die minoischen Kreter) verwandten ihre Schrift in einem nennenswerten Umfang auch für profane Zwecke.

Trotzdem waren in Europa die meisten Menschen bis zur Reformation und Aufklärung nicht fähig zu lesen. Erst ab dem 18. Jahrhundert mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht in den meisten Staaten setzt eine breite Alphabetisierung ein. Ohne diese war die Demokratisierung der Gesellschaft, wie sie seit der Französischen Revolution vorwärts schreitet, undenkbar.

Der Vortrag von Dr. Martin Kersting wird in einem Parforceritt sowohl die 6000 Jahre Schriftentwicklung als auch das Fortschreiten der Schriftlichkeit nachzeichnen.

City Nord – Ort der Widersprüche


Das Thema: die City Nord, ein Stadtteil Hamburgs. Vor 50 Jahren von ambitionierten Stadtentwicklern und ihren Architekten verplant geplant, ist die City Nord inzwischen zu einem historischen Ort geworden. Aus scheinbar vorausschauenden Konzepten entstanden damals hoch gelobte Bauprojekte, die, im Entstehen gefeiert, von der Zeit überholt, über die Realität neuer Entwicklungen hin vernachlässigt wurden. Fast vergessen stehen heute funktionstüchtige Gebäude leer, werden entkernt, dem Abriss anheim gegeben, geraten erneut in den Fokus des Interesses, um wieder geplant verplant zu werden.

Die City Nord, ein Ort der Widersprüche, den ich besichtigt und in Fotografien festgehalten habe.

Vortrag und Fotos von Agnes Voigt
www.agnesvoigt.de

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