50 Jahre Steilshoop – Nutzen wir die Chance

Dorfgraben. IKON

Ein Fest zu einem fünfzigjährigen Geburtstag auszurichten, ist heikel. Das fängt schon mit der Gästeliste an, denn in jeder anständigen Familie hat sich ein Teil der Sippe mit einem anderen völlig verkracht. Darf man bei der Einladung die schrägen Cousinen oder den Onkel, mit dem man gerade einen Prozess um Großmutters Erbe führt, einfach übergehen? Dann gibt es da noch den Vetter Trunkenbold, der garantiert auf der Feier für einen Eklat sorgt – und auch die Exgattinnen und –gatten, die man ja eigentlich viel lieber mag als die Neugattinnen und –gatten, bereiten schlaflose Nächte.

Kopfschmerzen verursacht die Frage, was für eine Feier man überhaupt will. Soll es ein nettes, im günstigen Fall sogar lustiges Fest in einem vertrauten Kreis werden, oder verlangt es die Würde und die Bedeutung des Jubilars, dass am Eingang Besenstile ausgegeben werden, auf dass auch die entsprechende Steifheit zu Stande kommt? Will man wirklich ellenlange Elogen über sich ergehen lassen, welche die Biographie des Geburtstagskindes vom Mutterleibe an in den herrlichsten Farben erstrahlen lässt, oder gibt es auch ein Plätzchen für Ironie und Satire?

Alles Fragen, mit denen sich auch die Steilshooperinnen und Steilshooper in den nächsten Monaten abquälen müssen. Weiterlesen

Adorno in Steilshoop

Theodor W. Adornos vielzitierte Sentenz: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ ist auch dort leider richtig, wo es ganz eindeutig „ein bißchen Richtiges im Falschen“ gibt. Konkret sind hier die Maßnahmen des Beschäftigungsträgers Alraune in Steilshoop gemeint. Keine andere Institution hat sich hier so über Jahre abgemüht, spezialisiert, integriert, qualifiziert und organisiert wie Alraune mit seinen zahlreichen Ausbildungsstätten, den Cafés, Werkstätten, Tierhaus und Sozialprojekten. So weit, so richtig. Falsch, aber unabänderlich hingegen war, sich in die Fördertopflabyrinthe einer staatlich gelenkten Arbeitsmarktpolitik begeben haben zu müssen. Richtig war es, sich in Steilshoop breit aufzustellen, flexibel und schnell reagieren zu können. Und im Stadtteil verankert zu bleiben, wo ihre Kunden leben und sich ausbilden können. Der Unterschied zu allen anderen dahergelaufenen und wieder davongerannten Betreuungsinstitutionen, die von armen Stadtteilen als Arbeitsplatzbeschaffer magisch angezogen werden: stets blieb Alraune Aug‘ in Aug‘ mit ihrem Klientel und zum Wohle aller Menschen im Quartier. Weiterlesen

Politiker, bitte handeln!

Im Herzen von Steilshoop verfällt ein Einkaufszentrum. Geschäfte schließen, Bürger kämpfen – und die Stadt gibt sich ohnmächtig.

Text von Ulrich Jonas, zuerst erschienen im Straßenmagazin Hinz&Kunzt; Ausgabe 299, Jan. 18

An einem Abend im Oktober 2016 sagt eine Freundin von Mariana Fernandes Martins einen folgenschweren Satz: „Wenn du an den Dänen rankommen willst, musst du Schiffe malen!“ Der Däne ist Besitzer des Steilshooper Einkaufszentrums und wird wegen seiner Herkunft so genannt – und weil man sonst nicht viel über ihn weiß. Mariana Martins, eine 46-jährige Frau mit wachen Augen und herzhaftem Lachen, lebt in Steilshoop. Wie so vielen Menschen im Stadtteil ist ihr die Tristesse des EKZ seit Langem ein Dorn im Auge. Der Rat der Freundin war durchdacht: Mariana Martins ist Malerin. Ihre von Blautönen beherrschten Bilder zeigen das Meer in etlichen Facetten. Zu Schiffen ist es da nicht mehr weit.

Wer die perfekt inszenierten Reize herkömmlicher Konsumtempel gewohnt ist, erleidet im Steilshooper EKZ einen Schock: Nackte Puppen stehen verloren hinter dunklen Schaufenstern. In der Decke, aus der Energiesparlampen kaltes Licht verstrahlen, klafft ein Loch und gibt den Blick auf Lüftungsrohre frei. Und statt Musik dringt nur das monotone Quietschen der Rolltreppen in die Ohren der wenigen Menschen, die an diesem Vormittag den Weg ins EKZ gefunden haben. Was ist hier los? „Das ist eine lange, traurige Geschichte“, sagt der Kassierer eines Backshops. Und die Kurzform? „Der Vermieter interessiert sich für nichts. Macht nichts. Investiert nichts. Der will nur möglichst viel Miete kassieren.“ Weiterlesen

Banausen, Zisterzienser, Jesus und die Sockelarbeitslosigkeit

Die berühmte und immer wieder zitierte Feststellung von Max Weber, dass der Calvinismus die Religion des Kapitalismus sei, stimmt nur zur Hälfte. Wir wissen spätestens seit Karl Marx, dass der Kapitalismus zwei alles bestimmende Faktoren hat. Der eine ist natürlich das Kapital, resp. das Eigentum an Produktionsmitteln, der andere die Arbeit. Weber bezieht nur ersteres ein, indem er sich auf Calvins kleine Schrift „de providentia Dei“ beruft, in der das irdische Wohlergehen als sichtbares Zeichen der göttlichen Fürsorge angesehen wird. Sicher wurde dadurch Reichtum und Besitz auch moralisch legitimiert. Die Arbeit ist aber schon mehr als dreihundert Jahre früher neu bewertet worden. Weiterlesen

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