Steilshooper Mythen oder wie funktioniert ein Stereotyp? [Teil 4]

Vor rund 10 Jahren habe ich den folgenden Text als Vortrag im AGDAZ gehalten. Nach Teil 1 und Teil 2 sowie Teil 3 folgt heute der 4. und letzte Teil.

Da Steilshoop schon in einer frühen Phase als sozialer Brennpunkt 1 beschrieben wurde, und dieser Ausdruck durchgehend als Stereotyp für die Großsiedlung im Allgemeinen und Steishoop im Besonderen verwandt wurde, heftete man auch gleichzeitig den Bewohnern ein Stigma an, mit dem sie bis auf den heutigen Tag leben müssen.

Stereotyp ist nicht ganz einfach zu definieren, weil psychologische Aspekte eine wichtigere Rolle als sprachlich-rhetorische spielen. Weiterlesen

Steilshooper Mythen oder wie funktioniert ein Stereotyp? [Teil 3]

Vor rund 10 Jahren habe ich den folgenden Text als Vortrag im AGDAZ gehalten. Nach Teil 1 und Teil 2 folgt heute der 3. Teil.

Die gleiche Tendenz, nur etwas direkter und nicht ganz so hinterfotzig ein sechs Jahre jüngerer Artikel aus dem gleichen Blatt. Es geht um die Ghetto Rockaz, die tatsächlich in den neunziger Jahren eine ausgesprochen unerfreuliche Erscheinung im Stadtteil waren. Die Definition der Gang nach BILD: „Das ist eine Bande von 40, 50 Jungen. Diese 13 bis 21jährigen Türken, Afrikaner und Osteuropäer sind ja stadtbekannt durch ihre Gewalt. Sie treffen sich jeden Tag am Haus der Jugend.“1 Zwei auch aus dem anderen BILD-Text bekannte Gegner werden auf einmal abgefrühstückt. Ausländer und die öffentliche Institution Haus der Jugend. Wie beim „Abendblatt“ auch wird eine Unmasse von Zeugen benannt und so der Eindruck einer seriösen Recherche vermittelt. Die Namen der Gewährsleute verdeutlichen, dass es sich um einen Krieg der Nationalitäten oder gar Rassen handeln soll: Jan, Jens, Norbert, Susanne, Martin, Andreas, Bernd … vertreten das Ariertum, während der einzige namentlich genannte Gegner einen türkischen Namen trägt. Auch in diesem Opus gibt es das Element, das jeden modernen Krieg kennzeichnet: Flucht und Vertreibung: „Für uns steht fest, daß wir hier so schnell wie möglich wieder wegziehen!“ Weiterlesen

Stadtteiljubiläum 2019 – So steht es um die Vorbereitungen

Manchmal beschleichen einen schon Zweifel – und zwar dann, wenn die Sozialdaten für unseren Stadtteil an die Oberfläche des Schreibtisches gespült werden, wenn man sich in die Nähe des immer noch so genannten Einkaufszentrums begibt oder man einen Brief der Vonovia in seinem Postkastenkasten vorfindet. Darf ein Quartier, dem es objektiv so schlecht geht, überhaupt ein rauschendes Fest zu seinem fünfzigsten Geburtstag feiern? Ist es nicht vielleicht zynisch, wenn auf dem Marktplatz getanzt und gesungen wird und gleichzeitig nur einen Straßenzug weiter ein Gerichtsvollzieher eine Zwangsräumung vollstreckt, weil einer unserer Mitbürger die Mieterhöhungen nicht mehr verkraftet?

Dass ich trotzdem Tag für Tag weiter an der Vorbereitung des Jubiläums arbeite, liegt sicher auch daran, dass ich vor etlichen Dekaden die Johannes-Gutenberg-Universität zu Mainz besucht habe. Natürlich lehrt auch die dortige Alma Mater nicht, wie man in einer üblen Welt sich die notwendige Lebensfreude erhält, um diese ein klein wenig besser zu machen. Das machen die Meenzer: Die Lage mag noch so schlecht sein, sie lassen sich ihre Pappnase und ihren Schwellkopp nicht nehmen und machen eben Kokolores.

Nun lebe ich aber auch schon seit vielen Jahren in Hamburg – und hier hat man mir beigebracht, dass die Pappnase nicht die Antwort auf sämtliche Fragen des Lebens ist. Der Hanseat feiert zwar ab und zu auch einmal ganz gerne – aber alles mit Maß und mit Stil. Weiterlesen

Brauchen wir wirklich die Abrissbirne?

Bis vor wenigen Jahren bedeutete das Errichten eines Hauses Denken in Generationen. Sowohl private als auch öffentliche Bauherren haben sich über die Jahrhunderte hinweg bemüht, ihren Nachfahren Strukturen zu hinterlassen, welche sowohl dem öffentlichen als auch dem privaten Wohl dienen sollten.

Natürlich wechseln die Nutzungen jeweils nach den Bedürfnissen der Menschen: Ein Kaispeicher wird zur Konzerthalle, ein Bahnhof zum Rathaus, ein Kloster zum Irrenhaus oder Gefängnis und ein Wasserwerk zu einem Parlament.

Seit dem späten 20. Jahrhundert ändert sich diese Einstellung. Vor allem große Bauten werden oft als Abschreibungsobjekte betrachtet und nach vierzig oder fünfzig Jahren abgerissen, wie den Steilshoopern in der benachbarten City Nord drastisch vor Augen geführt wird. Als Begründung muss oft die beabsichtigte Energiewende herhalten. Tatsächlich sind Bauten, die vor der ersten Energiekrise 1973 geplant worden sind, regelrechte Fresserinnen von fossilen Brennstoffen. Allerdings wird so gut wie nie die Gegenrechnung nach dem Energiebedarf für Abriss und Neubau derartiger Gebäude aufgemacht. Zudem sind die Möglichkeiten der energetischen Nachrüstung heute so, dass sich Bauwerke aus den sechziger und siebziger Jahren in der Energienutzung kaum von modernen unterscheiden müssen (der Umbau natürlich auch unter erheblichem Einsatz von Energie).

In Steilshoop argumentiert man noch platter: Wichtige Baulichkeiten des Stadtteils müssen verschwinden, weil über deren Grundstücke ein Schulneubau finanziert werden soll. Nachdem der größere Teil des Bildungszentrums zu Betonstaub verarbeitet worden ist, könnten schon im Herbst des nächsten Jahres die Bagger anrücken, um dem traurigen Rest der vormaligen Gesamtschule und dem längst nicht so traurigem Rest der Schule am Borchertring (für die Älteren: die Schule Seeredder) das gleiche Schicksal zu bereiten.

Die Sinnfrage hat dabei keiner so wirklich gestellt. Klar, Hamburg braucht kaum irgendetwas dringender als bezahlbaren Wohnraum. Ebenso klar ist auch, dass der Schulneubau finanziert werden muss. Wie immer aber, wenn Geld nicht aus den eigentlich dafür vorgesehenen Schatullen gezahlt wird, sollte man doch bei einer Finanzierung über diverse Umwege schon einmal genauer hinsehen, wer am Ende wirklich dafür zahlt. Formal gesehen scheint alles zunächst ganz unproblematisch zu sein. Der Bauherr ist Besitzer der Grundstücke und versilbert diese, damit er auf einen verhältnismäßig kleinen Teil der Liegenschaft seinen Bau hinsetzen kann. Im konkreten Fall gehen ihm die verkauften Grundstücke sogar noch nicht einmal verlustig. Indem er als Käufer die städtische Wohnungsbaugesellschaft SAGA auserkoren hat, bleibt alles im städtischen Besitz. Weiterlesen

Steilshooper Mythen oder wie funktioniert ein Stereotyp? [Teil 2]

Vor rund 10 Jahren habe ich den folgenden Text als Vortrag im AGDAZ gehalten. Nach Teil 1 folgt heute der 2. Teil.

Die Hamburger Abendblatt Redakteurinnen Sifft und Tants verpacken ihren konservativen, ja reaktionären Blödsinn unter der Betroffenheitsmasche. Pseudowissenschaftlich geriert sich gelegentlich die „Welt“, wenn sie über den sie eigentlich nicht interessierenden Stadtteil schreibt. Der Pädagoge Peter Struck benutzt Steilshoop – oder besser das Bild Steilshoops, so wie es der Springer-Konzern geschaffen hat -, um seine konservativern Erziehungsideale einem schockierten Publikum nahe zu bringen: „Momentaufnahme aus der Gesamtschule von Steilshoop. Ein scheinbar normaler Tag, keine Vorwarnung. Dann der Knall – ein selbstgebauter Sprengsatz detoniert. Der Aufenthaltsraum wird zerstört. Sachschaden 40.000 Mark, Nur wenige Monate zuvor gingen in dem Ende der sechziger Jahre für 20.000 Menschen errichteten Betonviertel kleine Bomben hoch, wurden Feuer in den Treppenhäusern der gigantischen Wohnblocks gelegt, wurden Linienbusse mit Luftgewehren beschossen. Crash Kids und S-Bahn-Surfer sind hier zu Hause. Die Jugendbande „Ghetto-Kingz“ hinterließ Graffiti.“ 1. Dass Herr Struck Steilshoop niemals gesehen hat – die gigantischen Wohnblöcke entstammen dem Archiv seines Auftraggebers -, kann man ihm ja zur Not noch verzeihen. Gegen die Bezeichnung des Stadtteils als Betonviertel werden wir hier wohl machtlos in alle Ewigkeiten bleiben. Wie noch zu zeigen ist, verfolgt Herr Struck aber mit dieser Diffamierung ein weiteres Ziel.

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Steilshooper Mythen oder wie funktioniert ein Stereotyp? [Teil 1]

Vor rund 10 Jahren habe ich den folgenden Text als Vortrag im AGDAZ gehalten. Ob seiner Länge wird er hier in Fortsetzung veröffentlicht.

Jeder von uns kann aus dem Stegreif einen Vortrag über München, Frankfurt, Stuttgart oder Duisburg und die Mentalität seiner Bewohner halten, auch wenn er die Städte nur von einem Kurzbesuch her kennt. Wir wissen ganz genau, dass in der bayrischen Metropole sich vor allem Angehörige der Schickeria umbringen, dass Frankfurt ein einziger Rotlichtsumpf ist, dass in Stuttgart hinter der kleinbügerlichen Fassade die Verlogenheit des Spießers lauert und der Duisburger Proletarier längst zum Lumpenproletariat zu zählen ist. Woher wir das wissen? Natürlich aus dem Fernsehen. Spielfilme und noch mehr Serien verbinden grundsätzlich bestimmte Städte mit einer sozialen Schicht oder Klasse, weil wir genau diese Schicht oder Klasse in genau dieser Stadt erwarten. Zwar hat München auch hochgradig problematische Stadtteile wie Untersendling oder Hasenbergl zu bieten, Drehorte sind aber Grünwald oder Starnberg. München-Untersendling dagegen findet in Duisburg-Maxloh oder Berlin-Neukölln statt. Noch augenfälliger wird das geographische Prinzip als Ausdruck bestimmter sozialer Verhältnisse in amerikanischen Serien gehandhabt. Das natürliche Biotop von Al Bundy ist nun einmal Chicago, schwarzes Bürgertum gehört nach New York und alle Nonkonformisten sammeln sich in San Francisco. Die Wahrnehmung der Serienproduzenten ist allerdings mindestens 80 Jahre alt. Das Bild der Stadt am Lake Michigan zum Beispiel ist geprägt durch die Romane von Upton Sinclair, der in den zwanziger Jahren die Brutalität einer Industrieregion beschrieben hat. Die heutige Bedeutung von Chicago resultiert aus den vielen Wissenschaftseinrichtungen, deren Zahl sogar die von Südkalifornien übersteigt, so dass die Stadt in ihrer soziologischen Zusammensetzung große Ähnlichkeiten mit dem Raum Boston aufweist. Die Produzenten der Filme bedienen einerseits unsere Erwartungshaltung, andererseits sorgen sie dafür, dass sich unsere Urteile derartig verfestigen, dass wir kaum noch in der Lage sind, zwischen einem aufoktroyierten Vorurteil und einem aus eigener Erfahrung resultierendem Urteil zu unterscheiden. Weiterlesen

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