„Wir verlieren sehr viel …

… und gewinnen sehr wenig.“ So die Feststellung Martin von der Mühlens zum Abriss des Bildungszentrums in dem beachtenswerten Bildbändchen Baustelle betreten!, welches pünktlich zur Grundsteinlegung des Schulneubaus der Steilshooper Öffentlichkeit vorgestellt werden konnte. Man darf sicher sein, dass von der Mühlen weiß, wovon er spricht. Kaum einer kennt den Komplex des in den letzten Zügen liegenden Bildungszentrums besser als er. Seit einem Vierteljahrhundert als Lehrer in Steilshoop tätig musste er den Untergang der vormaligen Gesamtschule miterleben und war maßgeblich am Aufbau der Schule am See beteiligt.

Das Buch hat nicht die Absicht eine Dokumentation des Abrisses zu sein, sondern gibt mit den Mitteln der Fotografie, der Zeichnung und des Films die Assoziationen und Gefühle wieder, welche die Schülerinnen und Schüler im Winter 2017 hatten, als der Bauteil II des Bildungszentrums dem Erdboden gleich gemacht wurde.

Dass es ein überwiegend trauriges Buch wird, verrät schon das Foto auf dem Umschlag. Im Vordergrund der planierte Grund, wo wenige Monate zuvor noch die Mensa und das Haus der Jugend standen, dahinter die grauen Reste einer Architektur, welch nun diesen Namen kaum noch tragen darf. Die erhaltenen Bauteile wirken nun völlig regellos aneinander gestückelt und atmen – obwohl noch in Gebrauch – den Geist des Verfalls aus. Schon jetzt haben wir es hier mit einem „lost place“ zu tun, um einmal das Modewort der Ruinenfotografie zu benutzen. Es ist fast egal, welche Seite man aufschlägt, man erlebt in der Tristesse des Bildes die Traurigkeit seines Schöpfers: Vernagelte Türen, Hörsäle, welche nur noch als Rumpelkammer dienen, verkommene Grünanlagen und Schuttberge…

Auch die Zeichnungen der Schülerinnen und Schüler sind nicht gerade von Hoffnung geprägt. Symptomatisch erscheint mir die Umwandlung des Gebäuderestes in ein Krankenhaus, wobei sich die Frage stellt, wer wohl der Patient sein könnte: Nach allem was wir bisher gesehen haben, kann es nur die demolierte Fläche des vormaligen Bildungszentrums sein.

Sicher ist es eine Überinterpretation, wenn man die Tiergesellschaft aus der Aufnahme der zoologischen Sammlung metaphorisch und allegorisch auf die aktuelle Situation der Schule auslegen würde. Allerdings war das der allererste Gedanke, welcher mich beim Durchblättern des Büchleins durchzuckte. Klar, Specht, Maulwurf und Biber sind die großen Bauleute und Landschaftsgestalter im Tierreich, aber die Fotografie wird dominiert von zwei berüchtigten Aasfressern: Krähe und Rabe, wobei selbstverständlich die Namensgleichheit mit dem amtierenden Schulsenator nur zufällig ist. Möchten uns also die Fotografen verschlüsselt eine Prophezeiung über das Schicksal des Bauprojektes mitteilen. Drohen auch hier Krähen und Raben mit dem erhofften blühenden Schulleben aufzuräumen? Wie gesagt, wahrscheinlich eine Überinterpretation.

Ist also ‚Baustelle betreten!‘ ein Dokument der Hoffnungslosigkeit, der Verzweiflung und des Fatalismus? Nein und noch einmal Nein! Das wird deutlich an den Aufnahmen der Schülerinnen und Schüler selbst. Überall fröhliche und hoffnungsvolle, vor fünfzig Jahren noch hätte man gesagt frische Gesichter, auch wenn die Haarschnitte der Knaben gelinde gesagt etwas monoton sind. Sogar Kim Jong Un gestattet mehr Varianten. Egmond Tenten und ich zum Beispiel waren erstaunt, wie gut die Schülerinnen vorbereitet waren, als sie uns zu dem in Film und Buch wiedergegebenen Interview eingeladen haben. Auch wenn der Abriss des Bildungszentrums eine Schnapsidee gewesen sein könnte und Martin von der Mühlen recht hat, dass wir mehr verloren als gewonnen haben, die jungen Leute werden auch aus den schlechteren Bedingungen etwas machen können, wenn man ihnen nur hier und da einmal etwas Unterstützung zukommen lässt.

Baustelle betreten! Ein Projekt mit Schüler*innen aus Steilshoop zum Abriss und Neubau ihres Schulgebäudes.
Kulturprofil der Klassen 9/10 – Schule am See. Kulturagentin: Katrin Langenohl. Lehrerinnen: Sabine Lübbke, Susanne Olbrich. Künstler*innen: Tanja Bächlein, Arne Bunk, Karin Haenlein. Konzept: Arne Bunk [2018]

Die Broschüre kann gegen eine Schutzgebühr von 5 € unter info@bild-und-begegnung.de bezogen werden.

Ein Kommentar

  • Martin von der Mühlen

    Lieber Herr Dr. Kersting,

    vielen Dank für Ihren guten Beitrag, in dessen Überschrift und erstem Absatz ich zitiert werde. Ihre Ausführungen haben mir sehr gefallen, auch wenn ich das Ganze eher skeptisch beurteile, weil es mir schwerfällt, zu erkennen, dass sich die mit dem Neubau verbundenen Wünsche und Hoffnungen erfüllen werden. Bei der weitaus günstigeren Ausgangsposition der damaligen Gesamtschule Steilshoop (im Verbund mit der H20), ist es uns nicht gelungen, eine stabile Dreizügigkeit zu etablieren, geschweige denn eine Oberstufe bleibend zu verankern, sodass die GS dann von 2005 bis 2010 von mir (mit jedem Jahr ein Stückchen mehr) abgewickelt werden musste.

    Ich bin ein durchweg optimistischer Mensch, der gerne (wie auch Sie, jenseits von “Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und Fatalismus”) dem Licht der aufgehenden Sonne eines neuen Morgens in Steilshoop entgegen gehen würde. Und um die von Ihnen benutzte Metapher des Raben und der Krähe aufzugreifen, sind beide Tiere ja – entgegen der landläufigen Meinung – sehr auf ein gutes familiäres Miteinander und den Schutz und das Wohl ihrer Kleinen und Kleinsten bedacht. In diesem Sinne möchte ich weiterhin mit aller Kraft und Hingabe für die mir anvertrauten Kinder und Jugendlichen da sein und mich für sie einsetzen (oder um abermals Ihre Worte aufzugreifen, “den jungen Leuten … etwas Unterstützung zukommen lassen”), so wie Sie es seit Jahren und Jahrzehnten ebenso für den uns beide ans Herz gewachsenen Stadtteil Steilshoop tun.

    Mit herzlichen Grüßen,

    Martin von der Mühlen

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