I Beg Your Pardon, I Never Promised You A Rose Garden…

      

IKON. Eine weitere melancholische Wahrheit ist zur traurigen Gewissheit geworden:

Grauflächenplaner haben entschieden dem Stadtteil eine einheitlich weiße Trauerbeblumung zu verpassen. Weder im schönen Wonnemonat Mai, in dem bekanntlich der lila Flieder blüht, noch im sommerlichen Rosenmonat Juni gibt es auf der Mittelachse Naturerhebendes zu erleben. Der graue Riese Steilshoop soll grauer Rise bleiben.

Der Mai offenbart uns ein fragwürdiges Ordnungskonzept, welches aus einem Linealstrich, genannt Sichtachse vom See bis zum EKZ besteht. Es wird von Ordnungsmaßnahmen flankiert, die den Kauf von Trillionen von Betonkantensteinen erforderlich machten. Die zugrundeliegende Absicht ist nur zu deutlich: es gilt aus einem üppig wuchernden Grünzug mit floralen Sensationen eine anonyme Grauzone zu kreieren. Aus einer ökologischen Vielzonigkeit (Rasen, Bodendecker, Blumen, Büsche, Bäume) wurde eine Kantenbegradigungswüste. Statt eines mäandernden originellen Weges, der Flora und Fauna zum Erlebnis werden läßt, die Fußwege gefühlt verkürzt und die Menschen durch die Schönheit der Natur nach draußen lockt, ist eine Achse für soldatische Aufmärsche entstanden. Kein Wunder, das die Dreinullneuner das Gefühl überkommt, nazipräventive Kritzelmaßnahmen durchführen zu müssen. Die Richtlinien innerhalb derer die Bewohnerschaft sich bewegen soll, heißt „grade und grau“. Denn besonders originell: das unvergleichliche Farbkonzept “grau in grau mit hellgrauen Akzenten.” Und das Hightlight sind sogar hellgraue Kleinstblümchen. Neu ist lediglich die alte Pflasterung. Und Ach! ein beklagenswerter Prozeß ähnlich einer Demenz breitet sich aus. Langsames Vergessen von allem was einst schön und farbig, uns zur Freude war, setzt ein. Witzige Akzente, wie der von Spaßvögeln himmelblau bemalte Anker, geraten in Vergessenheit.

       Ehemaliges Blumenglück gerät aus dem Blick, alles rückt in weite Ferne und verblasst zur Gräue. Langsam schwindet die Erinnerung an die Rosenbeete am Gropiusring/ Mittelachse, die sich inmitten von Brennesseln rosarot, stolz und unbesiegbar zeigten. Auch die Rosen am Straßenrand des Schachfeldes wurden fachkundig ausgerissen und trotz Anwohnerprotesten und wohlmeinender Beschwichtigung: „Wir nehmen mit, was Sie gesagt haben, schreiben Sie es auf ein Kärtchen“ wurden sie vergessen. Dahin, verschwunden und aus dem Blick. Auch der Schmetterlingsstrauch Buddleja am Kinderspielplatz ist Vergangenheit, … leise noch aus der Ferne hallt der Ruf: „schreiben Sie‘s auf… wir nehmen es mit“ und dann tatsächlich verschwand es mit ihnen, unseren wohlmeinenden Grauflächenbetreuern und damit auch der Zitronenfalter, das Pfauenauge und der Admiral. Purpurschimmernder Rhododendron, ausgerissen und auf dem Müll damit. „Ich kann nichts versprechen“, sagte Herr R. damals. „Das sind Künstler. Die haben ein eigenes Konzept. Denen kann man nicht dreinreden. Die haben den Auftrag.“ Klar doch. Nur wie lautete dieser Auftrag? Ich denke ihn mir so: „Pflanzen Sie möglichst graufarbige Natur, damit es sich nicht so vom Beton abhebt. Und kaufen Sie von dem Pflanzengeld möglichst viele Kantensteine, damit die Baufirmen nicht darben müssen. Die Leute hier mögen Beton, sonst würden sie hier nicht wohnen. Ach und versuchen Sie alle Farben wegzulassen, damit die Blumen nicht von den roten Papierkörben ablenken. Mit einer Ausnahme: rote Blumen sind nur zugelassen, wenn sie auf die Papierkörbe zulaufend gepflanzt werden. Wir möchten, daß die Bewohner die Slogans darauf verinnerlichen und sie nichts davon ablenkt. Und wenn jemand bessere Vorschläge hat oder meckert, sagen Sie: Das ist Kunst von beauftragten Künstlern. Achten Sie auf jeden Fall darauf, daß eigenes Engagement oder humorvolle Aktionen im Keim erstickt werden. Machen Sie es möglichst einheitlich. Gut so. Kontonummer. Abtreten.“ So oder so ähnlich wird es wohl gewesen sein. Wozu bunte Blumen? Wozu noch die Farben der Natur? Die Freude über farbenprächtige Blumenbeete und duftende Sträucher könnte auf der Siechenachse eine schmerzvolle Erinnerung an bessere Zeiten im Stadtteil freilegen und dann? Erinnerung an eine bessere Zeit? Das kann doch keiner wollen?! Wohin mit dem Schmerz? Wohin mit der Traurigkeit? Doch nicht etwa durch urban gardening bekämpfen? Wo jeder pflanzt und gießt wie er es gerade schön findet? Ganz ohne Betreuerhonorar? Grell orange Kapuzinerkresse am Wegesrand? Bienenumschwirrte Kleeblumen, die Kinder versuchen zu Kränzen zu winden? Duftendes Geissblatt an den Häuserwänden, violetter Sommerflieder, blaue Prunkwinden und Wicken an Zäunen? Es würde nur Schmetterlinge und Bienen anlocken. Naturnahe Erlebnispfade sind was für Beschäftigungsträger, die nicht in die Realität hineinfunken dürfen. Duftende bunte Blumen sind unnötige Farbkleckse, die von der Schönheit der farbigen Mülltonnen nur ablenken würden. Mülltonnen sind Steilshoops Blumen, nur sie dürfen grellbunt rot sein, ihren Duft an jedermann verschwenden und überquellen vor Lebendigkeit und dürfen an keiner Ruhebank fehlen.

 

Doch bevor aus allen Stadtteilbewohnern Insassen einer Betreuungszone werden, halten ein paar wackere ihr Blümchen-Fähnchen hoch. Ein Wohnungsunternehmen blieb unbeirrbar bei ihrem wunderschönen Gartenkonzept und pflegt es nach wie vor. Und am Ende der Mittelachse pflanzt eine Rebellin unverdrossen Stiefmütterchen und trotzt der Gräue. Sie leben hoch!

4 Kommentare

  • Martin Kersting

    Aus dem Rose-Garden, welcher als Ausreiß-Garden behandelt wurde, ist nun ein RISE-Garden geworden.

  • Marvin Keuner

    Anzumerken bleibt, daß die Dreinullneuner schlagender Bestandteil des gradlinigen, betongrauen Ordnungskonzeptes sind.

  • bi

    Das zeigt doch nur: Kärtchen schreiben ist für die Katz, es ist bereits vorher alles schon entschieden. Aber:
    Wie wäre es, wenn Steilshooper Blumenfreunde aufwachen und vor ihrer Haustür bunte Blumen pflanzen würden für Biene und Co.? Alle gemeinsam gegen grau, grauer, am grauesten, mit großen – kleinen – bunten Blumen, Stauden, Sträucher. Immer wieder, bis die “Rise-Freunde” merken, dass GRAU nicht mehr IN ist. Und evtl. überlegen sich Biene und Co. eine Rückkehr nach Steilshoop …und die Bewohner können sich wieder an eine Farbenpracht und Tiervielfalt erfreuen …

    • Pflanzenpirat

      Man kann Seedbombs basteln und in die Flächen werfen, nachts Pflanzen austauschen und langweilig aussehende Hauswände und Gehwege bunt anmalen. Nur meckern macht die Flächen nicht bunt

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