Fromme Wünsche – auch für Nichtfromme

Manchmal tut es auch nichtreligiösen Menschen wie mir ganz gut, einen Gottesdienst zu besuchen. Verstrickt in das Getriebe der Stadtteilpolitik neige ich dazu, mein Quartier schlechter zu sehen als es vielleicht in Wirklichkeit ist, eben weil man ständig darüber nachdenkt, was alles schief läuft, wo man den Hebel ansetzen muss, um das Leben vor Ort besser zu machen und mit wem man sich rumschlagen soll, um diesen oder jenen Missstand aus der Welt zu schaffen.

Jan Brueghel d.Ä. – Predigt Johannes des Täufers. Um 1598. Ausschnitt

Anfänglich war es mehr das Pflichtgefühl denn die Neigung, den gemeinsamen Gottesdienst zum 50. Geburtstag des Stadtteils der Steilshooper Religionsgemeinschaften zu besuchen. Die evangelische Martin-Luther-King-Gemeinde, die katholische St. Johannis-Gemeinde und die Steilshooper Moschee hatten dazu eingeladen. Trotz des nicht gerade berauschenden Wetters sind rund 100 Menschen dieser Einladung gefolgt.

Eindrucksvoll und sicher für viele Steilshooper neu war die Form des Gebetes (Salāt) durch den Imam der Steilshooper Gemeinde. Die reiche religiöse Kultur des Islams konnte hier verspürt werden – und war vielleicht für den ein oder anderen eine Anregung, sich weiter mit diesem Thema zu beschäftigen.

Die sehr persönliche Ansprache von Renata Kustusz, Pastoralreferentin der katholischen St. Johannis-Gemeinde stellte die Schönheiten von Steilshoop in den Mittelpunkt ohne die Probleme zu verschweigen. Es lohnt sich, sie im Wortlaut wieder zugeben:

50 Jahre Steilshoop – ein schönes Jubiläum. Und so ein Ereignis weckt Erinnerungen:

Seit 28 Jahren ist Steilshoop auch mein Zuhause. Ich kann mich noch sehr gut erinnern an die Zeit, als wir nach Steilshoop kamen. Wir wohnten im Erich-Ziegel-Ring im Parterre, hatten eine schöne Wohnung mit Terrasse und einen kleinen Garten.

Als Zugezogene haben wir uns unseren Nachbarn vorgestellt und erfahren, dass viele von ihnen einen Migrationshintergrund haben: Italiener, Spanier, Kroaten, Serben, Afghanen, Türken, Polen, Russlanddeutsche und Deutsche aus Ostdeutschland. Hinter der Wand hatte man die ganze Welt. Reisen musste man nicht, um etwas über das Leben und die Bräuche in vielen Ländern zu erfahren.

An Konflikte kann ich mich nicht erinnern, dafür aber an viele interessante, gute und hilfsbereite Menschen, an die vielen Kinder, die im Innenhof gespielt haben und in der Rufweite der Mütter waren. Unsere drei Kinder sind in Steilshoop groß geworden, dann weg gezogen, aber immer wieder schwärmen sie von der schönen Kindheit in Steilshoop.

Ich bin eine katholische Christin. In der St.Johannis-Gemeinde wurde ich damals sehr herzlich aufgenommen. Seit vielen Jahren arbeite ich dort als Seelsorgerin.

Als Gemeinde haben wir gute Beziehungen zur evangelischen Nachbargemeinde Martin-Luther-King und zu der Steilshooper Moschee.

Mit ihnen stehen wir im Austausch und feiern z.B. interreligiöse Friedensandachten zusammen.

Ich bin auch Mitglied im Stadtteilbeirat und kenne die vielen problematischen Seiten von Steilshoop: Viele von uns sind arbeitslos oder verdienen sehr wenig. Die Hälfte der Steilshooper Kinder lebt in sehr einfachen Verhältnissen.

Es gibt zwar die Stadtteilförderungsprogramme, die schon manche Verbesserungen gebracht haben, aber trotzdem muss sich noch einiges ändern: Beginnen könnte man z.B. mit einer echten Bürgerbeteiligung bei Planungen und neuen Projekten. Ich erlebe viele engagierte Bewohner des Stadtteils, die sich bemühen, das Zusammenleben der Menschen zu fördern und zu verbessern.

Ich erlebe viele Menschen, die hier in Steilshoop gerne wohnen und stolz auf ihren grünen Stadtteil mit dem nahe gelegenen Bramfelder See sind.

Auch das Miteinander gelingt uns schon ganz gut. Für uns Steilshooper ist unser Stadtteil ein liebenswerte Ort, ein Lebensraum, in dem die Nationen und Religionen, zahlreiche Kulturen und alle Generationen zusammen leben. Viele von uns sind gute Nachbarn geworden, aufgeschlossen für Neues.

Ein gutes, friedliches Miteinander – einfach gesagt, schwieriger zu leben. Ich möchte die Worte der heutigen Lesung beherzigen: „Sei voll Mitgefühl und brüderlicher Liebe, sei barmherzig, vergelte nicht Böses mit Bösem, noch Kränkung mit Kränkung, meide das Böse und tue das Gute, segne und suche Frieden“ [1 Petr. 3,8-11].

Ich glaube, und hoffe, dass mit Gottes Hilfe gegenseitige Achtung, Wertschätzung, Respekt und Hilfsbereitschaft möglich sind und uns helfen, eine tolerante, offene und friedvolle Gemeinschaft zu werden.

Was wünsche ich den Menschen in meinem Stadtteil für die nächsten 50 Jahre?

Mehr Begegnung in der Nachbarschaft und mehr Zusammenhalt, kluge, menschenfreundliche Entscheidungen mit Beteiligung der Bewohner für die Zukunft Steilshoops – und keine Verzögerung bei dem Bau der U-Bahnlinie 5!

Und Sie – was wünschen Sie den Menschen in Steilshoop? Überlegen Sie und schreiben Sie ihre Wünsche auf die grünen Blätter und hängen Sie sie an unseren Wunschbaum!“

Dass die durch Marlies Götsch und Dieter Maibaum vorgetragenen Fürbitten die größten Probleme des Stadtteils ansprachen, versteht sich fast von selbst:

Herr stärke das Gemeinwesen in unserem Stadtteil; lass die Menschen einen bezahlbaren und würdigen Wohnraum finden und fördere das Miteinander der Gemeinschaft.“

Herr, stärke unsere Eigenverantwortung und lass die politisch Verantwortlichen erkennen, dass nur ein Dialog zur Lösung von Problemen beiträgt. Lass uns für die Zukunft des Stadtteils gemeinsam Perspektiven entwickeln“

Sicher ein im Wortsinne frommer Wunsch, aber es deutet z.Zt. alles darauf hin, dass Fromme und nicht so Fromme viel daran setzen wollen, dass er auch verwirklicht wird.