Freiluftgalerie Mittelachse

Den Begriff der „StadtschreiberIn“ kennen die meisten. Darunter versteht man Literatur-Preisträger, die das Stadtschreiberamt versehen. Mittlerweile gibt es „Turmschreiber“, „Schloßschreiber“ und sogar „Seeschreiber“. In der Regel sind mit deren Berufung, für ein Jahr zumeist, ein Stipendium und eine kostenfreie Wohnung für den Künstler verbunden.

Steilshoop „beherbergt“ nun eine Modifikation dieser lokalen Kunstbetrachtungsweise. In Steilshoop lebt eine „Stadtteilmalerin“ oder wäre Quartiersmalerin der bessere Begriff?

Seit einiger Zeit finden sich feine, hübsch gerahmte, kleine Aquarelle an den Bäumen der Mittelachse. Sie zeigen Ansichten der näheren Umgebung, die ein jeder Ortsansässige schnell zu lokalisieren weiß. „Ach, das ist doch hier, na sag mal schnell…da wo die Bänke sind, und hier da am Schachfeld…“ . Aber die Stadtteilmalerin malt und zeichnet nicht nur. Nein sie setzt sich auch aus, den Neugierigen, den Fragen, den Kommentaren und kommt so auf eine völlig neuartige Weise ins Gespräch mit den Anwohnern und Passanten. „Menschen erzählen mir von sich“ sagt Mariana Fernandes Martins. Sie erlebt, dass viele Bewohner von früher sprechen, als zumindest manches noch besser im Viertel war. Von den vielen Läden im Einkaufszentrum, von den Gemeinschaftseinrichtungen und der Aufbruchstimmung als alles noch neu und modern war. Manche schütten ihr Herz aus, manche tragen auch alte Fotos herbei. Die Stadtteilmalerin läuft ja nicht weg, sie sitzt auf ihrem Stühlchen, guckt aufs Blatt, skizziert den Baum, guckt aufs Blatt, guckt auf den Baum. Hört zu, fragt, kommentiert. Ist das ein Weg wie wir in der modernen urbanen Vorstadtgesellschaft wieder ins Gespräch kommen? Wo eine/r sitzt und zeichnet, bleiben andere stehen, gucken, fragen, kommen ins Gespräch und andere kommen hinzu. So besteht Martins Kunstaktion aus drei Teilen. Zunächst entsteht die Zeichnung direkt vor Ort.  Diese Zeichnung, die die unmittelbare Umgebung darstellt, fungiert als Medium, welches in die Öffentlichkeit zurückspiegelt, aus der es entnommen wurde. Zu diesem Zwecke schließt sich ein transformatorischer Akt an, indem aus der Skizze in Martins Atelier ein gerahmtes, mit Passepartout und Glasrahmen versehenes, dem Ort entrücktes „Stück Kunst“ wird. Und im dritten Teil dieses Kunstaktes beginnt die performative Aktion: die über das Kunstwerk geführte Auseinandersetzung zum Bild, zur Tätigkeit des Zeichnens, zur unmittelbaren Umgebung, zur Person des Betrachters und Bewohners und zur Person der Künstlerin. Führt dieses Gespräch, initiiert durch Skizzen und Zeichnungen nicht unmittelbar zu dem, was in den siebziger Jahren „die soziale Plastik“ genannt wurde? Damit meinte Joseph Beuys*1 neue Formen des sozialen Miteinanders in der „Unwirklichkeit der Städte“*2. Stehenbleiben, sich verwundern, entschleunigen, plaudern, neu gestimmt sein, weitergehen. Wiederkommen.

Ist diese selbstgewählte künstlerische und kommunikative Tätigkeit nicht der Neuaufbruch in eine andere Gesprächs- und Kunstkultur und damit auch die Überwindung der mittlerweile von vielen auch als lästig empfundenen bezahlten Stadtteilmoderatoren? Indem die Künstlerin ihre Umwelt so wichtig nimmt, dass sie Fassaden, Straßenfluchten und Grünflächen der malerischen Prüfung unterzieht, gibt sie den Anwohnern klar und deutlich zu verstehen, dass die vielgeschmähte Optik ihres Reißbrettstadtteils für sie von Bedeutung ist. Sie dessen Wesen zeichnerisch durchdringt und auch die seelische Dimension im O-Ton erfährt. Was macht das Leben in der Hochhaussiedlung mit den Menschen? Was sind ihre Freuden, was vermissen sie und was würden sie besser machen?  Mariana Fernandes Martins hat keinen Auftrag und kein Preisgeld von ihrem Stadtteil erhalten, aber wenn Sie sie sehen, gibt es vielleicht einiges auszutauschen, eine gute Geschichte zu erzählen. Vielleicht lassen Sie die Künstlerin auch mal einen anderen Blickwinkel einnehmen? Steilshoop von Ihrem Balkon aus gesehen wäre für alle, die Künstlerin und auch die zukünftigen Bildbetrachter, eine völlig neue Erfahrung. Stadtteilmalerin in landschaftlich schöner Umgebung zu sein ist eine Frage des Blickwinkels. Es ist ein bisschen märchenhaft, dass da eine Stadtteilmalerin sich Steilshoop vornimmt. Ich muss an das Buch „Momo“ von Michael Ende*3 denken. Tauchte da nicht plötzlich auch eine seltsam vertrauenswürdige Person in einer Hochhaussiedlung auf?

*1 https://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Plastik

*2 Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte, Suhrkamp 1965

siehe auch http://www.dieterwunderlich.de/Mitscherlich_unwirtlichkeit.htm

*3 Michael Ende: Momo. 1973

Fotos: Doris Pawelczak

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