Wohin geht die Reise?

Sechs KünstlerInnen arbeiteten am Thema Reisen und stellen ihre Bilder gemeinsam aus.

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Schiffe in voller Fahrt, wildaufgepeitschte See, traumverlorenes Blau, Piraten, geschickte Surfer im Wellenstrudel, hoffende Muschelsucherinnen am Strand: jeder der KünstlerInnen zeigt ihre Liebe zum Wasser, zum losfahren, freischwimmen, entdecken und ankommen – auch im metaphorischem Sinn. Kein Wunder, denn alle sechs kommen aus Hamburg: die MalerInnen Rohullah Kazimi, Ilona Konrad, Mariana Fernandes Martins und Klaus-Dieter Wachs sowie die Fotografinnen Annette Pankow und Doris Pawelczak.

Dr. Martin Kersting hat diese KünstlerInnen zu einer gemeinsamen Ausstellung im Cafè JETZT zusammengebracht und Gudrun Breidor mit dem Singkreis und der Oldie-Combo für den musikalischen Teil der Ausstellungseröffnung gewinnen können.

„Wohin geht die Reise?“ Maritime Motive im Café JETZT, Gründgensstrasse 22, Hamburg Ausstellungseröffnung: 11.09.2016 um 15:30 Uhr

Mariana Fernandes Martins – Die Muschelsammlerinnen

marianaEine ruhige Gelassenheit geht von den weiblichen Figuren aus, die die Gestade des Meeres betreten haben. An der Grenze zwischen Wasser und Land scheinen sie konzentriert den Wassersaum zu betrachten. Sind sie Sammler oder Suchende? Halten sie Ausschau nach Muscheln oder Bernstein? Vielleicht verharren sie auch in stiller Meditation an diesem Ort, an dem in archaischer Weise die Kräfte der Natur aufeinander treffen? Demutsvoll scheint die vorgebeugte Körperhaltung. Die warme Farbe des Sandes hier in Ocker, Braun und Umbra wiedergegeben, wird in der Kleidung, nur einige Nuancen dunkler, aufgenommen. Somit sind die menschlichen Wesen als der Erde zugehörig beschrieben. Das Meer vor ihnen weist kaltes Blau auf, das im hohen Himmel darüber zum lichten Farbspiel wird. Die dem Menschen eigene Erdenschwere wird hier als Erdfarbe gegen Wasser und Himmel gesetzt und der weibliche Mensch eingebettet in die elementaren Kräfte von Wasser, Luft und Erde. Feuer stünde somit für den belebten menschlichen Leib, der inmitten elementarer Kräfte selbst eine Urgewalt darstellt.

Klaus-Dieter Wachs – Boot

klausBeunruhigend schiebt sich ein Schiffsbug ins Wasser. Großformatig sind Ruder und Schiffsschraube ins Bild gesetzt. Aber das Meer scheint weit entfernt zu sein. Das Schiff liegt trocken. In der Ferne verschmelzen Wasserkante und Schiffsanstrich zu einer Horizontlinie. Ein schwarzer Schatten erinnert an die surrealistischen Welten Giorgio de Chiricos. Keine Spur von Menschen. Unheimlich ist auch die Perspektive der Untersicht gewählt. Dadurch mutet der Einstieg unerreichbar hoch an. Ist die „Slobbaz“ ein gestrandetes Geisterschiff?

Doris Pawelczak – Sicherer Hafen

dorisDie Fotografin Doris Pawelczak bietet uns die Aufsicht auf einen Schiffsbug, der sich dynamisch ins Bild schiebt. Sehen wir eine Hafenbarkasse, ein Rettungsboot oder ein Flüchtlingsschiff welches Fahrt aufnimmt? Passagiere bevölkern die Aussichtsplattform des Schiffes, an dessen Wänden sich die weiße Gischt bricht. …“herer Hafen!“ informiert uns eine Inschrift, die nicht zur Gänze zu lesen ist. Die meisten Betrachter werden wohl „Sicherer Hafen“ aus der Buchstabenfolge konstruieren. Man fragt sich, ob es nun „von da weg“ oder „dorthin geht“. Wohin geht die Reise? Mutmaßungen könnten sich aus der Fahrtrichtung, von links unten nach rechts oben, ergeben. Nach klassischer Lesart ist diese Diagonale als zeitlich Futur und örtlich „hinweg“ zu deuten. So hätten wir die pure Reiselust im Bild eingefangen und nicht das Rückkehr suggerierende „Sicherer Hafen“. Eine Irritation, die nicht aufgelöst werden kann und somit Spannung erweckt.

Annette Pankow – Freiheit

annetteDen Aspekt des „Urlaubsparadieses“ assoziiert man fast unmittelbar bei Betrachtung des Fotos „Freiheit“ von Annette Pankow. Sie zeigt einen Schwimmer in der Unendlichkeit eines magisch tiefen Blaus. Wir sehen eine winzige menschliche Gestalt in einem sanften ruhigen Meer von hoch oben. Die Silhouette lässt kraftvolle Schwimmstöße erkennen. Außer Wasser, dessen hypnotisierende Farbe von einem hellen Aquamarin ins tiefe Blau spielt, sehen wir keine weiteren Orientierungspunkte. Keinen Horizont, kein Land, kein Schiff. Doch vermeinen wir unterschiedliche Wassertiefen erkennen zu können. Wie mag die Aufnahme entstanden sein? Aus dem Flugzeug? Oder von den Klippen? Beim ersten flüchtigen Blick und angesichts eines grauen verregneten Sommers mag jeder diese Impression nutzen, um sich hinweg in blaue Südseeparadiese zu träumen. Und doch geht auch von dieser vermeintlich heiteren Urlaubsimpression jenseits aller Küsten oder rettenden Boote ein leises Unbehagen aus. Wohin schwimmt die Person, wohin treibt sie die Strömung? Wo ist das sichere Land?

Die Fotografin, die auf der ganzen Welt Wasser zu ihrem Bildthema macht, versteht diesen Schwimmer als Inbegriff der Freiheit. Tiefes Glück ist mit der Schönheit dieses Moments für sie verbunden. Faszinierend weil stets verschieden ist für sie das nasse Element:

„Dieses Foto ist auf Sardinien entstanden. Wasser ist überall anders, verschiedenes Licht, andere Temperaturen. Wasser ist für mich wie die Wüste. Es ist alles und nichts. Jede menschliche Emotion findet man auch im Wasser.“

Rohullah Kazimi – Der Germane

rohullahWeit davon entfernt sich auf dem Meer treiben zu lassen, ist der wackere Flößer, den Rohullah Kazimi ins Bild setzt. Wir erleben eine aufrecht stehende Figur, ausgerüstet mit einem Köcher voller Pfeile auf dem Rücken. Auf den Planken liegt eine Steinaxt. Zotteliger Fellanzug, sowie archaisch anmutende Stiefel charakterisieren den Lebenswillen und die kämpferische Kraft unseres Seemanns, den Kazimi „Germane“ nennt. Im Bildhintergrund erheben sich bewaldete Berge. Der Verzicht auf die Illusion der Zentralperspektive eröffnet neue Sichtweisen. Abenteuerlich und nahezu tollkühn tanzt das Floß, das aufrecht ins Bild gesetzt ist. Wie ein frühzeitliches Surfbrett scheint der Ruderer sein Fortbewegungsmittel zu beherrschen und der betont sportlich-breitbeinige Stand versichert dem Betrachter, dass unser steinzeitlicher Jäger alles im Griff hat. Von Schiffbruch ist er weit entfernt. Ganz im Gegenteil: vitale Lebensfreunde, Abenteuerlust und Selbstvertrauen zu den eigenen Fertigkeiten werden in der Zeichnung narrativ ins Bild gesetzt.

Ilona Konrad – Der schlaue Fisch frischt den Köder nischt

ilonaFarbenfroh, fast ungegenständlich stellt uns die Künstlerin einen gut getarnten Fisch vor, der auf einen Kinderreim Bezug nimmt. „Der schlaue Fisch frischt den Köder nischt“ lautet die Bildunterschrift und jeder muss an Fischers Fritze denken, der frische Fische fischen will. Hier wird Fritze allerdings vom schlauen Fisch ausgetrickst und somit nie den frischen Fisch fangen. Die grelle Farbigkeit des Meeres stellt uns vor Rätsel, erwarten wir doch eher Töne von Blau als ein grelles Farbpotpourri. Ein Hinweis auf die bunten Plastikrückstände, die die Meere verschmutzen ist hier angedeutet .Ihre muntere künstliche Farbenfröhlichkeit steht in krassem Gegensatz zu ihrer Bedeutung für das Wasser und deren Bewohner.

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