Steilshoop rebelliert gegen geplante 500 neue Wohnungen

Ein Bericht von Axel Ritscher, Redakteur des Hamburger Abendblatt, erschienen in der Online-Ausgabe am 11. April 2019.

Nachverdichtung im Hochhausviertel massiv kritisiert. Bürger wollen leere Schule am See für Wohnprojekte, Kultur und Startups.

In Steilshoop wächst Wut. Der auf Jahre hinaus zur Baustelle mutierte Stadtteil möchte die Nachverdichtungspläne des Senats nicht hinnehmen. Sie seien mit den Steilshooper Bürgern und ihren Gremien nicht diskutiert worden. Dabei habe sich die Bezirkskoalition aus SPD und Grünen in ihrem Koalitionsvertrag die Bürgerbeteiligung auf die Fahne geschrieben. Der geplante Schlicht-Wohnungsbau in der Hochhaussiedlung Neu-Steilshoop werde „die seit 50 Jahren sich entwickelnden Defizite des Stadtteils weiter fortschreiben“, schreiben Stadtteilbeirat und Koordinierungskonferenz in einem gemeinsamen Beschluss. Die Sozial AG Steilshoop forderte einen sofortigen Planungsstopp und eine Moderation zwischen Politik und den Gremien im Stadtteil.
Neu-Steilshoop, im Sozialmonitoring Hamburgs seit Jahren als Problem identifiziert, ist nach den Erhebungen des Statistikamts Nord das am am dichtesten besiedelte Quartier Hamburgs. Belastend wirkt zudem das in Sichtweite des Campus verfallende Einkaufszentrum. Weder Drohungen noch Angebote der Stadt brachten den dänischen Investor Henrik Nygaard Johansen bislang dazu, Geld in die Immobilie zu stecken.

Wohnungen auf früheren Schulflächen
Folgende Bauprojekte laufen bzw. stehen an in Neu-Steilshoop:

  • Alle vier Sportvereine und nahezu sämtliche soziale Einrichtungen werden neu sortiert bzw. sind in Provisorien umgezogen.
  • Für das abgerissene Schulzentrum im Herzen Steilshoops ist derzeit der verkleinerte, 45 Millionen Euro teure neue Campus Steilshoop in Bau. In ihn wird auch die „Schule am See“ integriert.
  • Daneben entsteht das Quartierszentrum für die sozialen Einrichtungen, die vorher mit im Schulzentrum saßen.
  • Dazu kommt der Bau des Bahnhofs für die neue U5. Die Planungen laufen.
  • Auf den frei werdenden Schulflächen um das alte Schulzentrum herum sollen Richtung Gropiusring 200 bis 250 Wohnungen für gut 600-750 Menschen entstehen. Die Proteste aus dem Stadtteil führten bisher nicht zur geforderte Bürgerbeteiligung. Im August werden die Architekten-Entwürfe nebst Freiraumlanung vorgestellt.
  • Auf dem Gelände der Schule am Bramfelder See will die Stadt noch einmal rund 250 Wohnungen bauen und dabei auch die von den Vereinen genutzte Sporthalle ersatzlos streichen. Da haben die Steilshooper dezidiert andere Vorstellungen.

Die Schule am See ist der Zankapfel
Stadtteilbeirat, Koordinierungskonferenz und Sozial AG Steilshoop möchten auf dem freien Schulgelände mit Erlebnisräumen, alternative Wohnformen, Startups und Kleinbetrieben sowie der Ansiedlung von Kulturschaffenden einen Kristallisationspunkt und Lebensqualität schaffen. Dafür wollen sie mit dem eigens dafür gegründeten Verein “Vens” das Gebäudeensemble der Schule am See erhalten und die besondere Lage am Wasser nutzen. Die Stadt dagegen will auf allen drei frei werdenden Grundstücken die Saga im seriellen Wohnungsbau „Effizienz-Wohnungen“ mit günstigen Mieten (8 Euro Pro Quadratmeter für die ersten fünf Jahre) bauen lassen.
„Die Dichte im Stadtteil kann durchaus zu mehr Urbanität führen“, heißt es im Beschluss von Stadtteilbeirat und Koordinierungskonferenz, insofern liege in der Erweiterung der Siedlung eine große Chance. Doch diese werde vertan, wenn die frei werdenden Flächen nur mit normalen Wohnungen zugepflastert würden. „Die vorherrschende Trennung von Wohnen, Konsum, Freizeit und Arbeiten orientiert sich noch an den Lebensbedingungen des frühen 20. Jahrhunderts.“ Das könne mit einer sinnvolleren Nutzung des Schulgeländes am See aufgebrochen werden.

Zuzug von Besserverdienern löst kein Armutsproblem
„Wenn schon ein so ausgeprägtes Bürgerengagement da ist, sollte man das nicht einfach abwürgen, sagt die stadtentwicklungspolitische Sprecherin der Linken-Bürgerschaftsfraktion, Heike Sudmann. „Die Stadt hat da am grünen Tisch eine Planung gemacht, die die meisten Steilshooper gar nicht wollen und die auch unserer Meinung nach nicht die erhoffte Aufwertung bringen kann.“
Eine bessere soziale Durchmischung des Stadtteils sei nicht herstellbar, wenn man bloß statistische Daten der Wohnbevölkerung verbessere. Die Mieter der Effizienzwohnungen würden zwar den Einkommensdurchschnitt im Viertel erhöhen, aber die soziale Qualität eines Quartiers bemesse sich nicht allein am Einkommen, sondern vor allem auch am sozialen Miteinander und der Vielfalt der Bewohner.

SPD beharrt auf Plan von 2013
Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Lars Pochnicht gab diesem Ansatz im Prinzip recht, verwies aber auf die bereits 2013 mit dem Rahmenplan Steilshoop abgeschlossene Bürgerbeteiligung. „Der Planungsprozess ist seitdem sehr weit fortgeschritten, und wir haben ein gutes Konzept“, sagt er. Der Wohnungsbau sei nötig. „Es entstehen bezahlbare Wohnungen in guter Lage.“ In die soziale Komponente werde mit dem Quartierszentrum am Campus rund 13 Millionen Euro investiert.
Für die Steilshooper sind das altbekannte Argumente. Auch 2013 waren sie mit ihren Ideen an der SPD-Priorität des Wohnungsbaus gescheitert. Damals allerdings sollten die Schulflächen an Investoren verkauft, heute per Erbpacht an die städtische Saga vergeben werden. Wie sie die Flächen mit „8-Euro- Wohnungsbau“ entwickeln will, sei der Stadtteilkonferenz erst am 2. April 2019 vorgestellt worden, sagt Pastor Andreas Holzbauer, Vorsitzender des Stadtteilbeirats. Entsprechende Beschlüsse der Stadt und ihrer demokratischen Gremien seien aber offenbar gar nicht dokumentiert. Andere Steilshooper sprachen von „Gesprächsverweigerung“ der Stadt.

Die Luft für die sozialen Einrichtungen wird dünner
Mit dem Quartierszentrum berührt Pochnicht den nächsten Dauerstreitpunkt: Die sozialen Einrichtungen mussten im alten Schulzentrum großteils keine Miete bezahlen und hatten viel Platz. Im neuen Quartierszentrum wird es deutlich enger, und alle sollen Miete überweisen. Derzeit weiß keiner so genau, woher das Geld kommen soll.
„Im Stadtteil arbeiten sehr viele Menschen ehrenamtlich für den Erhalt des durchaus fragilen sozialen Friedens“, sagt Holzbauer. „Eine kluge Politik fördert dieses Engagement und schafft Räume dafür, um den Stadtteil liebenswert zu machen. Das derzeitige Vorgehen der Stadt unterläuft diese Anstrengungen.“