Im Salon: Wer weiß was wann?

Wie haben sich bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse verbreitet? Vortrag von Dr. Martin Kersting im Rahmen des Salon de Steils.

In älteren Wissenschaftsgeschichten kann man gelegentlich Sätze lesen wie „Im Jahre 1543 änderte sich das Bild des Menschen von der Welt und dem Kosmos grundlegend“. Natürlich spricht der Autor von Nikolaus Kopernikus, welcher das über 1.500 Jahre tradierte geozentrische Modell des Ptolomäus durch ein heliozentrisches ersetzt hat. Der amerikanische Kopernikus-Forscher Owen Gingrich hat aber in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts eindrucksvoll nachgewiesen, dass „De revolutionibus orbium coelestium“ – so der Titel des kopernikanischen Werkes – im gesamten 16. Jahrhundert allenfalls von 10 bis 15 Menschen ernsthaft gelesen und rezepiert worden ist. Richtig bekannt wurde das Buch erst 1620 mit dem Prozess gegen Gallileo Gallilei.

Ganz anders hingegen verlief die Aufnahme des mindestens ebenso berühmten Buches „On the origin of species“ von Charles Darwin, dessen Erstauflage von 1.250 Exemplaren schon am Erscheinungstag (24. November 1859) ausverkauft war. Nach nur vier Wochen erschien eine (unberechtigte) deutsche Ausgabe.

Schon seit den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde versucht, Wissenschaft zu popularisieren (Alexander von Humboldt). Für die Arbeiterbewegung (Wilhelm Liebknecht: „Wissen ist Macht“) und liberale Bildungsreformer (Wilhelm Bölsche, Raoul Heinrich Francé) war das allgemeine Wissen um naturwissenschaftliche Erkenntnisse eine Voraussetzung der demokratischen Teilhabe. Höhepunkt dieser Bewegung war 1922 ein leider verschollener Stummfilm, welcher die Einsteinsche Relativitätstheorie erklärte.

Der Vortrag will an einigen Beispielen die Wechselbeziehungen zwischen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen und gesellschaftlicher Entwicklung untersuchen.

Das Abendland und seine Retter

Wie ein reaktionärer Kampfbegriff entstanden ist.

Es scheint sich schon um einen besonders tragischen Fall zu handeln: Wieder und wieder muss das Abendland gerettet werden, mal vor Belgrad oder Wien, mal in Tannenberg oder Stalingrad – und heute vor allem in Dresden. Mal sind es deutsche oder polnische Landsknechte, ein anderes Mal SS-Einsatzkommandos, Fußball-Hooligans oder bayerische Honoratioren, welche den armen Komapatienten am Leben erhalten.

Abendland, das „waren schöne glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war, wo Eine Christenheit diesen menschlich gestalteten Welttheil bewohnte.“ (Novalis, Christenheit oder Europa, 1799 [Orthographie des Originals]). Allerdings hat es dieses Abendland niemals gegeben, sondern es wird erst erfunden, als mit der Aufklärung und mit der französischen Revolution die „schönen glänzenden Zeiten“ des Mittelalters ihr Ende gefunden haben. Somit diente der Begriff des Abendlandes schon in seinen frühesten Anfängen zur Begründung eines reaktionären Konzeptes von Staat und Gesellschaft.

Im 19. Jahrhundert vor allem in der deutschen Romantik wird das Konzept noch stärker akzentuiert und in den Rang einer Ideologie erhoben, derer sich viele Strömungen aus dem rückwärtsgewandten Spektrum bedienen. Selbst die Nationalsozialisten, welche ja bekanntlich eine nahezu unendliche Distanz zu „einem christlichem Land“ und zu einem „menschlich gestalteten Welttheil“ hatten, entdecken im Verlaufe des Krieges das Abendland.

So ist es nur folgerichtig, dass in der frühen Bundesrepublik sich die antiliberalen und antikommunistischen Kräfte unter der Fahne des Abendlandes erneut versammelten (Abendländische Akademie).

Die Geschichte des Umganges mit diesem Begriff lässt es zu, auch die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (PEGIDA) und ihre Verwandten als das zu entlarven, was sie sind: Reaktionäre Feinde einer liberalen und demokratischen Gesellschaftsordnung.

Tierisch literarisch – eine Mitmachveranstaltung

Es hat schon Tradition, dass die Besucher des Salon de Steils immer wieder einmal literarische Texte vorstellen, die sie ganz besonders mögen und von denen sie meinen, dass auch andere daran ihre Freude haben könnten. Dieses Mal soll es animalisch werden, denn wir wollen uns dem riesigen Feld der Tierliteratur zuwenden.

Tiergeschichte, Tiermärchen, Tiergedicht, Tierepos, Tierfabel …, egal aus welchem Jahrhundert oder Jahrtausend, jeder darf das verlesen, was ihm gefällt. Einzige Bedingung: Die Protagonisten müssen Pfoten, Hufe, Tatzen, Klauen, Flügel oder Flossen haben.

Ernst, heiter, besinnlich oder auch obszön – auf die Mischung kommt es an.

Kathedralisch III: Das Tympanon des Berner Münsters

Ein Vortrag von Dr. Martin Kersting

Die Schweiz ist schon ein bewunderungswürdiges Land: Wofür wir in Deutschland einen Weltkrieg verbunden mit Tausenden von Fliegerangriffen brauchen, das schaffen unsere südlichen Nachbarn komplett aus eigener Kraft. In den reformierten Kantonen sind die Kirchengbäude genau so öde und leer wie etwas in St. Marien in Lübeck, welche ihre gesamte Ausstattung in dem ersten großen Bombenangriff auf eine deutsche Stadt am 28. März 1942 verloren hat.

In Bern, Basel, St. Gallen, Genf und (mit gewissen Einschränkungen) Zürich haben schon die zwinglischen und calvinschen Barbaren in den zwanziger Jahren des 16. Jahrhunderts für tabula rasa gesorgt, während in Deutschland Martin Luther sich „seinem“ Taliban Andreas Bodenstein von Karlstadt mutig gegenüber stellte, welcher schon eifrig dabei war, zum Beispiel die Wittenberger Schlosskirche platt zu machen. Das Inventar von St. Sebald oder St. Lorenz in Nürnberg konnte nur aufgrund einer direkten Intervention Luthers gerettet werden.

So ist es um so erstaunlicher, dass in Bern am Münster ein einzigartiges Denkmal des vorreformatorischen Glaubens erhalten geblieben ist, selbst wenn es in einigen wesentlichen Punkten im 17. Jahrhundert reformatorisch korrigiert worden ist. Das Tympanon zeigt ein jüngstes Gericht und reiht sich damit in die Reihe der großen Kathedralen seit dem 12. Jahrhundert ein. Allerdings weist es so viele Abweichungen im ikonographischen Programm etwa von Straßburg oder Freiburg auf, dass es einer gesonderten Betrachtung Wert ist.

Eine waschechte Sensation für das 15. Jahrhundert ist zum Beispiel die gegenüber Straßburg, Basel, Regensburg, Bamberg oder Freiburg völlig andere Einschätzung des Judentums. Werden sonst die Tympanoi genutzt, um antjudaistische Propaganda zu verbreiten, so kann man für Bern ein große Hochachtung für das Judentum konstatieren, die so weit geht, dass man sich sogar über kirchliche Dogmen hinweg setzt.

Das Relief ist aber nicht nur geistesgeschichtlich von Bedeutung. Die mehr als zweihundert Figuren liefern auch einen Einblick in die sozialen Sichtweisen einer bedeutenden Handelsstadt.

Der Vortrag schließt an zwei andere von mir gestaltete Veranstaltungen zur Turmvorhalle im Freiburger Münster an. Ich habe damals die These auf gestellt, dass eine mittelalterliche Kathedrale sprechen kann und wir sie verstehen können, vorausgesetzt, dass wir über die entsprechende Grammatik (= kirchliche Dogmen) und das zugehörige Wörterbuch (= christliche Ikonographie) verfügen. Diese These möchte ich vertiefen, wobei wir in Bern mindestens einen neuen Dialekt erlernen müssen.

1 2 3