„Macht kaputt, was Euch kaputt macht?“

Eine kunsthistorische Betrachtung im öffentlichen Raum.

Stadtteil im Aufbruch 1. Januar 2018

„Kunst im öffentlichen Raum soll provozieren“ heißt es doch immer…und den eiligen Gang der Bürger entschleunigen. Durch die Provokation soll man zum Nachdenken angeregt werden um Dinge auf eine gänzlich unerwartet neue Art sehen zu lernen. So gut, so kunstpädagogisch. Wenn wir also davon ausgehen, dass Steilshooper ihren Stadtteil nicht mutwillig beschädigen („Wir sind besser als unser Ruf“), haben wir es hier mit Kunst im öffentlichen Raum zu tun und zwar mit einer Hommage an die Aktionskunst der 1960er Jahre.

Schon vor dieser wilden Zeit machten Raymond Hains und Jacques de la Villeglé als Affichisten und Decollagisten (Plakatabreißer) von sich reden. Sofern sie an Werbeplakaten einen losen Papierüberhang zu fassen bekamen, rissen sie ab was ging, soweit der Kleister es zuließ. Damit wurden die Prinzipien der 1960 gegründeten Vereinigung des „Neuen Realismus“ vorweggenommen: Es ging um die Aufwertung des Alltags und des Zufalls sowie um die Vermeidung von künstlerischer Technik, kombiniert mit einer guten Portion Humor und Ironie. Gerade das Zerrissene und Kaputte wurde von diesen Künstlern gewürdigt bzw. in die Wege geleitet, die daraus eine Kunstform entwickelten. Man sah in der Verarbeitung von Alltagswirklichkeit und Fragmenten der Werbung eine kritische Haltung zur Konsumwelt. Der, juristisch gesehen, widerrechtliche Aneignungsprozeß wurde zu einer künstlerischen Aktionsform umgedeutet. Viele Künstler dieser Zeit sahen nicht im Neuerschaffen, sondern im Niederraffen und Entgiften, vor allem auch fremden Eigentums, den richtigen Weg des künstlerischen Selbstausdrucks. Gerade Gewalttätigkeit bildete in der Kunstaktion eine neue Form von Authentizität ab. Selbstbefreiend schoß Niki de Saint Phalle seit 1955 auf Farbbeutel, die sie zuvor auf Holzplatten montierte und rächte sich im symbolischen Akt am brutalen Vater und den einengenden Strukturen einer zur Konvention erstarrten Familie. Ihre Aktionskunst kulminierte in einem Gewehrschuss, dessen erlösendes Moment Farbe freigab, die über alles spritzte und sich ergoss; eine Feier der Befreiung für das unterdrückte Individuum. Der französische Objektkünstler Arman entwickelte eine Assemblage (Objektcollage) indem er ein Klavier zertrümmerte (Chopins Waterloo 1962) und dessen Einzelteile auf einer Fläche zu einer neuen Gegenstandssymphonie zusammennagelte. Der Reiz des Objektes lag darin, das unbekannte Innenleben des Klavieres kennenzulernen und die Lust der Zerstörung, als triebhafte menschliche Charaktereigenschaft in die Kunst und somit ins Leben zurück zu holen. Der Titel der Materialcollage „Chopins Waterloo“ also Napoleons Untergang verweist auf Wut und Aggression. Freuds abgespaltenes ES wurde integriert. In der Rock-und Popmusikwelt agierte Jimi Hendrix 1967 ähnlich, als er seine Gitarre anzündete. Der Musiker verstand diese Aktion als heilige Opfergabe. Der Objektkünstler Arman komponierte mit dem zertrümmerten Klaviermaterial ein Bild, wie ein Maler mit Farben. Damit wurde der Illusionscharakter der Malerei in Frage gestellt und der Ausgang aus dem Bild in die Objektrealität begründet. Natürlich hatte Lucio Fontana seit 1958 mit seinen zerschlitzten Leinwänden schon Vorlagen dazu geliefert.

Stadtteil im Aufbruch 8. Januar 2017

Auf all diese Künstler nun beruft sich augenscheinlich der Steilshooper Kunstverursacher. Als Aktionsraum hat er die Öffentlichkeit der Ostachse gewählt, welche unlängst zuvor durch Freiraumplaner aufbereitet wurde. Sie gaben dem Stadtteil die Marschrichtung „florale Sachlichkeit“ vor, indem sie die Botanik zu einem attraktiven Reih‘-und-Glied-Muster kultivierten. Hochkant aufgestellte Kantensteine, die durch Bemoosung einen lebendig grünen Akzent setzen, bilden den Auftakt zu einer Terrassierung, die den Eindruck einer Zuschauertribüne evoziert. Der Zigarettenkasten ist seinerseits farblich ansprechend auf seine Umgebung abgestimmt. Das Dekor welches für Steilshoop als passend ausgewählt wurde, bezieht sich sowohl auf ungegenständliche Malerei wie auf die konstruktiven Elemente der umliegenden Häuser. Graue Türeinfassungen und hellleuchtende Fensterkreuze sind im Dekor des Zigarettenapparates in spielerischer Form aufgenommen und aus dem Objektzusammenhang herausgelöst. Blau schimmernde Zinkleisten und elegant überhängende Niedrigbuschgräser umrahmen den geheimnisvollen Metallkasten, der sich in idealer Weise in das Wohnambiente integriert. Selbst die Quadratur von Eingangsvorbau und Balkonkachelung ist in der Grundform aufgenommen. Sogar an Präventivästhetik wurde gedacht: wenn ein Graffitikünstler seinen raumaneignenden Strich als Markierung beifügen würde, könnte das dieser toleranten Rauminstallation im urbanen Camouflagelook wenig Zerstörerisches anhaben. So mag die Inspiration durch die hochwertige Werbeästhetik vielleicht Anreger für die künstlerische Neugier geworden sein? Doch ist der objektaneignende Künstler noch einen erforschenden Schritt weitergegangen. Er hat die verborgene Innerlichkeit aus dem Kasten herausgelöst und der Betrachtung zugänglich gemacht. Der Akt gilt der Befreiung der Zigarettenschachteln, die immer schon mit Hinweis auf den Aspekt der Freiheit beworben und konsumiert wurden. Startende Flugzeuge, reitende Wildwestkerle und feministische Selbstbehauptung wurden nicht nur werbeästhetisch- immer mit Nikotingenuss verbunden und sind im kollektiven Unterbewusstsein durch diese Assoziationen fest verankert. Auch heute gilt noch die Freiheit zur Selbstschädigung, die selbstbewusster Teil der Werbekultur ist: „Rauchen ist tödlich“. Und doch ist neben der fokussierten Freiheit auch der Aspekt der Gesundheitsbotschaft „Macht kaputt, was Euch kaputt macht“ (Rio Reiser 1969) offensichtlich. Was dieses Objekt ästhetisch besonders auszeichnet, ist die Fortführung der außen abgebildeten Strukturen im nun zutage tretenden Teil des Innenbebens. Verblüffend ist die Korrespondenz zwischen den breiten hellen Bändern, den schmalen blauen Leisten und den sich aufbäumenden herausquellenden Kabelenden. So finden Illusionsmalerei und dingliche Wirklichkeit zu einer feinsinnigen Synthese. Die Dekonstruktion des Metallkastens wird gefeiert als Befreiung und Innenschau pünktlich und in lautmalerischer Detonation zum neuen Jahr, konkret minutengenau zu dem Datum, an dem viele das Rauchen aufgeben. Die Aktion ist als Serie aufgelegt. Das gibt uns den Hinweis auf die stoischen Selbstdisziplinierungsmaßnahmen eines zum „Aufhören“ entschlossenen Rauchers. Das erste Fotodokument stammt vom 1.1.2018. Das 2. Fotodokument vom 8.1.2017. The same procedure as last Year? The same procedure as every year! Eine ästhetisch gelungene Sichtbarmachung eines emanzipativen Selbsterhaltungsprozesses, der den Zigarettenverzicht höher preist als die konsumorientierte Affirmation.
Ikon

Stadtteil im Aufbruch 1. Januar 2018

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